Sollen sich externe Links in neuen Fenstern öffnen?

Bei der Konzeption und Entwicklung von Webseiten hat es sich teilweise eingebürgert, dass sich Links auf andere Webseiten in einem neuen Browser-Fenster öffnen. Wir schauen uns anhand verschiedener Faktoren an, was dabei beachtet werden muss.

Links bilden die Basis des Internets, nur durch sie entsteht die Vernetzung, die dem World Wide Web überhaupt erst seinen Namen verliehen hat. Sie machen es möglich, dass wir von Webseite zu Webseite surfen, und uns manchmal auch in den Tiefen des Internets verlieren können.

Die Diskussion, ob sich Links auf externe Webseiten in einem neuen Fenster öffnen sollen, ist uralt. Die Meinungen darüber, ob diese Praxis gut oder schlecht ist, gehen stark auseinander. In diesem Blogartikel wollen wir anhand verschiedener Faktoren aufzeigen, dass das Thema etwas komplexer ist, als man zuerst denken mag.

1. Usability

Standardmässig öffnen sich Links nicht in neuen Fenstern. Der Webentwickler Mark Root-Wiley meint, dass wir uns in einem Worst-Practice-Cycle befinden, einem Kreislauf der schlimmsten Vorgehensweise. Bereits zu viele Leuten seien es sich gewohnt, dass externe Links in neuen Fenstern öffnen. Wir könnten nicht mehr einfach von vorne anfangen und den Nutzern zeigen, wie sie selber bestimmen können, wie sie einen Link in einem neuen Fenster öffnen können. Er meint, dass wir die lange Sicht im Fokus behalten und deshalb auf neue Fenster verzichten sollen. Nur so könnten wir aus diesem Teufelskreis rauskommen.

Nutzerfreundliche Webseiten überlassen dem Nutzer die Kontrolle. Ein Nutzer soll selber entscheiden können, ob sich ein Link in einem neuen Fenster öffnet. Wenn sich aber Links in einem neuen Fenster öffnen, dann nehmen wir dem Nutzer diese Kontrolle weg. Das ist schlechte Usability. Es gibt aber unzählige Gegenargumente und Diskussionen um diesen Punkt.

Ich hasse es, wenn ich den Zurück-Button drücken muss. Ich meine, es macht doch einfach Sinn, dass sich Links in einem neuen Tab öffnen, oder etwa nicht?
— Kommentar eines Nutzers

Bei vielen Argumenten, die dafür oder dagegen sprechen, sticht hervor, dass sie die eigene Sicht auf die Dinge in den Mittelpunkt stellen. Schnell gerät man zum Schluss, dass man selber ein Durchschnittsnutzer sei und dass sich andere Nutzer deshalb genau so verhalten. Aufzupassen gilt es bei Argumenten, die mit «Ich finde…» beginnen. Persönliche Vorlieben sollte man aussen vor lassen. Es gibt keinen Durchschnittsnutzer. Wenn man es gewohnt ist oder es selber gerne mag, dass sich externe Links in einem neuen Fenster öffnen, heisst das nicht, dass das auch für alle anderen Leute gilt. Das gleiche gilt für den scheinbar rationalen Ansatz «Das macht doch einfach Sinn». Für einen bestimmten Nutzer in einer bestimmten Situation macht es durchaus Sinn, aber lange nicht für alle. Das Ziel ist nicht, für den Durchschnitt zu optimieren, sondern für alle.

Anstatt dass wir hier alle verschiedenen Argumente auflisten, ob die hier behandelte Praxis gut oder schlecht sei, möchten wir mehr auf die Vielfalt von Nutzern eingehen, die wir selber schon beobachtet haben:

  • Es gibt Leute, die erwarten, dass sich externe Links in einem neuen Fenster öffnen.
  • Es gibt Leute, die erwarten, dass sich externe Links nicht in einem neuen Fenster öffnen.
  • Es gibt Leute, die es hassen, wenn sie nicht selber bestimmen können, ob sich Links in einem neuen Fenster oder Tab öffnen.
  • Es gibt Leute, denen ist das alles völlig egal.
  • Es gibt Leute, die immer den Zurück-Button des Browsers nutzen, sofern dies möglich ist.
  • Es gibt Leute, die verwirrt sind, wenn der Zurück-Button nicht funktioniert.
  • Es gibt Leute, die den Zurück-Button des Browsers nicht kennen.
  • Es gibt Leute, die nicht merken, wenn sich ein Link in einem Fenster öffnet und dann verwirrt sind, wenn der Zurück-Button nicht mehr funktioniert.
  • Es gibt Leute, die den Unterschied zwischen Fenstern und Tabs nicht kennen und heillos verloren sind, wenn sie die Seite finden wollen, auf der sie vorher waren. Manche gehen dann zurück zu Google, um erneut nach der vorhin besuchten Seite zu suchen.
  • Es gibt Leute, die sogenannten Poweruser, die bei einem Link automatisch CTRL + Klick (CMD + Klick auf dem Mac) drücken, um ein neues Fenster zu erzwingen.

Wer sich trotzdem für die vielen verschiedenen Argumente interessiert, darf sich gerne in den Artikeln auf Smashing MagazineCSS Tricks oder UX Movement vertiefen. Vor allem in den Kommentaren dieser Artikel findet man unzählige Argumentationen. Dort ist plötzlich jeder ein Usability-Experte.

2. Sicherheit

Erst letztes Jahr wurde bekannt, dass Links, die sich in einem neuen Fenster öffnen ein Sicherheitsrisiko für Besucher der eigenen Webseite darstellen können. Wenn nicht mit speziellen Tag-Attributen für Links gearbeitet wird, kann eine Webseite, auf die verlinkt wird, Schadcode auf der eigenen Webseite platzieren.

WordPress wird diese Sicherheits-Lücke in der kommenden Version 4.8 schliessen. Ein Release-Datum ist noch nicht bekannt. Dies betrifft aber nur Links, die ab dieser Version in den Inhalt eingefügt werden. Links in bereits vorhandenen Inhalten sind weiterhin betroffen.

Jeder muss selber abwägen, ob er den technischen Aufwand auf sich nehmen will, Links in neuen Fenstern abzusichern oder lieber in Kauf nimmt, die eigenen Webseiten-Besucher einem Sicherheitsrisiko auszusetzen. Auf der sicheren Seite ist man, wenn sich Links im selben Fenster öffnen.

3. Analyse-Tools

Die meisten Webseiten setzen heutzutage ein Analyse-Tool ein, um Besucherzahlen und deren Verhalten zu messen. Die Aufenthaltsdauer scheint ein wichtiges Argument zu sein, um herauszufinden, welche Inhalte einer Webseite beliebt sind.

In diesem Zusammenhang hört man oft das Argument, dass man einen Besucher möglichst lange auf der eigenen Seite halten will. Hierzu meinen wir, dass ein Besucher auf einer Seite bleibt, wenn die Inhalte interessant für ihn sind. Falls sie es nicht sind, gehört der Besucher wohl nicht zur Zielgruppe oder die Inhalte müssen überarbeitet werden. Da gewinnt man nicht viel, wenn man einen Besucher zum Längerbleiben zwingt.

Links, die sich in externen Fenstern öffnen, können für Statistiken kontraproduktiv sein, weil sie die effektive Aufenthaltsdauer verfälschen können. Google thematisiert dies auf einer Support-Seite selber:

Was geschieht, wenn Bernhard eine Seite auf meiner Website geöffnet lässt und dann nur eine Mittagspause von 29 Minuten macht, bevor er weiter surft?
Wenn Bernhard zurückkehrt, wird die offene Sitzung auf der letzten Seite fortgesetzt, die er auf Ihrer Website angesehen hat. [...] Aus der Sicht von Analytics hat er Ihre Website nicht verlassen.

Solange die eigene Seite im Hintergrund geöffnet ist, wird die Besuchszeit bis zu einer Dauer von 30 Minuten hochgezählt. Das ist nicht optimal. Hier kann man jedoch argumentieren, dass dies auch geschieht, wenn der Nutzer absichtlich ein neues Fenster öffnet oder wirklich in die Mittagspause geht. Dies ist mit ein Grund, warum wir auch komplett auf Analyse-Tools verzichten könnten.

Link-Shortener

Es ist schwierig zu analysieren, wenn Nutzer auf externe Links klicken. Eingebürgert haben sich für dieses Problem sogenannte Link-Shortener, also Kurz-Links (wie z.B. t.co, bit.ly oder buff.ly), die dann auf die gewünschte Seite weiterleiten. Dies erlaubt es, über den jeweiligen Kurz-Link-Service zu tracken, wer auf den Link klickt. Jede Weiterleitung bringt aber eine längere Ladezeit mit sich, vor allem auf mobilen Geräten. Wenn gleich mehrere Link-Shortener hintereinander hängen, kann dies zwischen 1.8 und 3.4 Sekunden mehr Ladezeit bedeuten. Für Webseiten, die performant sein sollten, ist das eine Ewigkeit.

4. Accessibility

Vom Standpunkt der Barrierefreiheit aus wird nicht empfohlen, Links in einem neuen Fenster zu öffnen. Webseitenbesucher, die einen Screenreader benutzen, erhalten oft keine Hinweise darauf, dass sich ein neues Fenster geöffnet hat. Besucher mit visuellen Einschränkungen können oft nicht erkennen, wenn sich ein neues Fenster öffnet. Dann kann es verwirren, wenn der Zurück-Button nicht funktioniert.

Die Lösung hierfür ist es, alle Links, die sich in einem Fenster öffnen speziell zu markieren oder sicherzustellen, dass Screenreader ankünden, wenn ein Link in einem neuen Fenster geöffnet wird.

Das Argument der Barrierefreiheit wird bei der Konzeption von Webseiten oft vernachlässigt. Wir gehen davon aus, dass es in Zukunft immer wichtiger werden wird. Während in den letzten Jahren der Begriff Responsive Webdesign (die Optimierung von Webseiten für alle erdenklichen Endgeräte) im Zentrum unseres Schaffens stand, wird künftig die Barrierefreiheit hoffentlich viel stärker gewichtet werden.

5. Wie es die anderen machen, oder: es kommt auf den Kontext an

Können Sie auswendig aufzählen, welche Webseiten Links in neuen Fenstern öffnen und welche nicht? Google und Amazon machen es nicht, Facebook und Twitter schon. Wer hat jetzt recht?

Zu meinen, dass die Internet-Giganten es sicherlich richtig machen und man es deshalb genau gleich machen könne, ist leider ein Trugschluss. Obwohl sehr viele Experten aus den verschiedensten Disziplinen bei der Entwicklung dieser Webseiten involviert waren, muss man immer berücksichtigen, dass die Handhabung von Links auf einer Webseite immer in einem bestimmten Kontext gewählt wurde.

Google öffnet Links im gleichen Fenster

Google zeigt standardmässig zehn Suchresultate an. Weitere Resultate können über die Pagination unterhalb der Resultate erreicht werden.

Die berühmte Google-Pagination

Als Anbieter von Suchresultaten hat Google Interesse daran, einen Nutzer möglichst schnell auf die richtige Seite zu bringen. Hat der Nutzer die passende Seite gefunden, hat die Suchmaschine ihr Ziel erreicht. Bestenfalls findet ein Nutzer die richtige Webseite bereits auf der ersten Ergebnis-Seite. Das Klicken auf den Weiter-Link, der den Nutzer zu den nächsten Suchresultaten bringt, ist gleichzeitig ein Signal, dass er vielleicht einen anderen Suchbegriff ausprobieren sollte, anstatt alle zehn Resultate-Seiten durchzublättern.

Social Media Feeds öffnen Links in neuen Fenstern

Facebook und Twitter funktionieren anders als Google. Sie bauen sich auf einem Feed auf. Zusätzliche Beiträge und Inhalte werden dazugeladen, wenn man nach unten scrollt. Diese Art von Interaktion nennt man Infinite Scroll, weil man theoretisch unendlich lange scrollen kann.

Beim Infinite Scroll werden Inhalte dynamisch dazugeladen.

Wenn man innerhalb eines Infinite Scrolls auf einen Link klickt, sich der Link im gleichen Fenster öffnet und man dann den Zurück-Button des Browsers klickt, kann es gut sein, dass der Browser nicht mehr weiss, an welcher Stelle man vorher war. Manchmal muss man dann minutenlang scrollen, bis alle Inhalte geladen wurden und man wieder die Stelle erreicht, wo man vorher war. Dies ist aber ein technisches Problem, das der Webseitenbetreiber lösen muss. Ein neues Fenster ist da nur der einfachste Ausweg.

Es ist aber nicht das Ziel von Facebook und Twitter, einen Nutzer wegzuschicken. Social-Media-Plattformen wollen ihre Nutzer möglichst lange auf der Plattform halten. Deshalb macht es für sie Sinn, immer neue Inhalte zu präsentieren und Links in neuen Fenstern zu öffnen. Wir werden sozusagen ausgetrickst, um noch mehr Inhalte und Werbungen anzuschauen. Ob das wünschenswert ist, muss jeder für sich entscheiden.

Kontext

Bisher haben wir immer uns in diesem Artikel immer auf Links auf externe Webseiten bezogen. Vielleicht geht es aber gar nicht um das Mantra «Externe Webseite – Neues Fenster», sondern vielmehr um den Kontext, in dem ein Link verwendet wird.

Warum sehen wir selten Webseiten, die Links auf die eigene Seite in einem neuen Fenster öffnen? Gibt es nicht genauso gute Argumente, einen Link in einem neuen Fenster zu öffnen, der auf die eigene Seite zeigt?

Beim Lesen eines Blogartikels (wie Sie es gerade tun) treffen wir oft auf Links, die in den Text verbaut sind. Meist sind dies Quellen oder weiterführende Informationen, in die wir uns vertiefen können. Bevor wir uns vertiefen, könnten wir erst den Artikel zu Ende lesen oder aber direkt einem Link folgen und später wieder zum Ursprungsartikel zurückkehren. Wenn jetzt einer der Links nicht auf eine externe Webseite führen würde, sondern auf einen anderen Artikel auf demselben Blog, müsste er sich dann nicht konsequenterweise auch in einem neuen Fenster öffnen? In diesem Fall geht es wohl um die Klassifizierung aller Links als «Optionen zur Vertiefung mit dem Thema» anstatt darum, ob sie intern oder extern sind.

Berechtigt ist ein neues Fenster, wenn ein Nutzer Inhalte editiert und beim Verlassen der Webseite ohne zu speichern Inhalte verloren gehen würden. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn ein Nutzer ein Bestell-Formular ausfüllt und erst die Allgemeinen Geschäftsbedingungen akzeptieren muss, um die Daten abschicken zu können. Wenn der Link zu den AGB im gleichen Fenster öffnet, kann es (je nach Browser und Einstellungen) sein, dass alle Formular-Eingaben gelöscht werden.

Wir sollten eher den genauen Kontext eines Links betrachten, als zu überprüfen, ob es meine Webseite ist oder eine fremde. Schlussendlich geht es nicht um die Domain, die in einem Link steht und bestimmt, ob sich ein Link in einem Fenster öffnet, sondern darum, wie ein Nutzer in einer bestimmten Situation mit Links umgeht. Weil wir die Vorlieben unserer Nutzer nicht kennen, ist es vielleicht besser, nicht für sie zu entscheiden, wie Links funktionieren, sondern ihnen selber die Wahl überlassen.

Fazit

Es ist immer ein Abwägen, welche Faktoren wichtiger sind. Persönliche Vorlieben sollte man auf jeden Fall in den Hintergrund stellen. Was uns persönlich rational erscheint, muss nicht auch für andere gelten. Es gibt keinen Durchschnittsnutzer einer Webseite. Man kann es nicht allen Besuchern recht machen. Es gibt wohl auch kein endgültiges Richtig oder Falsch. Der beste Weg, um auf lange Sicht wieder einen Standard zu etablieren, mit dem alle zurechtkommen, wäre es, auf neue Fenster zu verzichten.

Wer sich schlussendlich trotzdem dafür entscheidet, der sollte die Faktoren Sicherheit und Accessibility nicht ausser Acht lassen und den technischen Mehraufwand in Kauf nehmen. Wo genau Links in neuen Fenstern geöffnet werden, hängt aber nicht davon ab, ob der Link auf eine externe Webseite zeigt, sondern viel mehr vom Anwendungsfall.

Zum Schluss

Wer sich darüber aufregt, dass sich Links nicht in einem neuen Fenster öffnen, sollte sich die Tricks der Poweruser aneignen:

  • Rechtsklick auf einen Link und Link in neuem Fenster/Tab öffnen wählen.
  • CTRL + Klick (CMD + Klick auf dem Mac), um einen Link in einem neuen Fenster/Tab zu öffnen.
  • Bei Computermäusen mit mehreren Tasten funktioniert meist auch das Klicken auf einen Link mit dem Mausrad oder einer dritten Maustaste.